“Der Baader Meinhof Komplex” - RAF-Biografie
Geschichte / Politik |
18. April 2009 8:22 Uhr |
Pau |

Manchmal gibt es Themen, die einen wirklich fesseln, normalerweise bin ich ja nicht der Mensch für Biografien, aber nachdem ich mir Dokumentaionen über die RAF und im letzten Jahr die Verfilmung von “Der Baader Meinhof Komplex” angesehen habe, wusste ich, ich muss mich doch irgendwann mal an das fast 900 Seiten dicke Standardwerk von Stefan Aust machen. Jetzt habe ich es durch und muss sagen, dass es mich wirklich begeistert hat, was Aust da über die Jahre alles an Infos zusammengetragen hat. Die Geschehnisse aus dem “Deutschen Herbst” sind auch aus heutiger Sicht noch sehr spannend zu lesen.
Ende der 60er war in Deutschland die Angst vor einer erneuten Übermacht der Regierung und einem Polizeistaat in vielen Bevölkerungsgruppen verbreitet. Unter der Führung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof gründete sich damals die Rote Armee Fraktion, die mit Anschlägen auf Regierungseinrichtungen handelnd gegen diese Gefahr vorgehen wollten. Doch immer mehr wurde die RAF zu einer terroristischen Gruppe, deren Handlungen immer mehr dem ähnelten, was sie verhindern wollten. Die Gewalt eskalierte, als 1977 die RAF-Führung im Gefängnis saß und die Nachfolger mit Attentaten und Entführungen ihre Freilassung erzwingen wollten.
Wie umfangreich die interessante Geschichte der RAF ist, merkt man wohl erst nach dem Lesen dieses Buches, die Verfilmung kommt einem dann nur noch wie ein winziger Abriss vor und auch das Buch kann nur Bruchteile umreißen, vieles ist zudem bis heute nicht endgültig geklärt, zahlreiche Widersprüche, Geheimhaltung durch den Staat und nicht immer glaubwürdige Zeugen sorgen dafür, dass auch dieses Buch natürlich nicht alles weiß, aber vermutlich besser zusammengefasst ist als alle Alternativen. Stefan Aust schreibt sehr speziell, er reiht zwar nur Fakten aneinander, aber mitunter liest sich die “Handlung” fast wie ein Roman.
Man bekommt ein viel besseres Bild von dem, was damals wirklich passiert ist, warum die RAF damals so viele Anhänger hatte und was dazu führte, dass die Organisation sich am Ende selber verriet. Allerdings sind viele Handlungen des Staates ebenso schockierend, ironischerweise hat die RAF durch ihre Aktionen den Staat geradezu dazu gebracht, sich mehr dem Polizeistaat anzunähern, den sie doch immer verhindern wollten.
Das Thema ist einfach zu umfangreich, um hier detailliert auf alles einzugehen, aber jedem, der sich für den Stoff interessiert, sei dieses Buch auf jeden Fall dringend empfohlen, wer nur ein wenig über die Geschichte der RAF wissen möchte, dem wird aber vermutlich der Film reichen und das Buch dann doch zu umfangreich sein. Im letzten Jahr ist zudem gerade eine aktualisierte Fassung des Werkes in den Handel gekommen.



3 Kommentare | Einen eigenen Kommentar schreiben
[...] letzten Jahren sehr interessiert hat. Daher habe ich mich sehr gefreut, das Geschehen auf Basis der Buchvorlage mal in einem Kinofilm erleben zu dürfen. Danach ärgere ich mich jetzt aber doch, vorher nicht [...]
18.04.09 08:24 Uhr | | Nach oben
[...] angesichts der grandiosen Verfilmung “Der Baader Meinhof Komplex” nach der Vorlage von Stefan Austs Standardwerk auch wieder deutlich mehr in den Mittelpunkt gerückt worden. Doch der Kinofilm und der kurz darauf [...]
18.04.09 15:33 Uhr | | Nach oben
Trotz - oder gerade wegen - des enormen Umfangs ist dieses Buch sehr lesenswert. Die Zeit der RAF und deren Geschichte werden dabei mit viel Insiderwissen dargestellt. Aust hat zwar manchmal eine etwas merkwürdige Art der Darstellung, nennt die konkreten Quellen nicht immer, war aber direkt in diesem Umfeld tätig (u.a. Redakteur bei Konkret und daher auch mit Ulrike Meinhof bekannt). Er war es, der die beiden Meinhof-Töchter aus Sizilien kurz vor den anrückenden Palästinensern herausgeholt und vor einer terroristischen Karriere bewahrt hat.
Ich bin Jahrgang ‘48 und habe die Zeit konkret miterlebt. Das Buch macht deutlich, dass und warum es seinerzeit viel Sympathie für Baader, Ensslin aber insbesondere Meinhof besonders bei den Jugendlichen gab, bis das sinnlose Morden der RAF begann. Das da jemand den Mut hatte, es “denen da oben” zu zeigen, fand große Bewunderung. Es war eine unglaublich aufgeheizte Stimmung im Land. Das z.B. konnte der Film natürlich so nicht rüberbringen.
Also für Geschichtsinteressierte eigentlich “ein Muss”. Man kann sich ja Zeit lassen - und dann mit dem Film wahrscheinlich noch mehr anfangen.
03.05.09 19:41 Uhr | | Nach oben
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